Der Märchenerzähler

Augentrost

Einmal lebte ein kleines Mädchen als Dienstmagd am Hofe eines Königs. Das arme Dinge mußte allerlei schmutzige und dreckige Arbeiten verrichten, die sonst niemand Willens war, zu tun. Tagein und tagaus mußte das Mädchen jeden Morgen in Allerherrgottsfrühe schon als Erste aufstehen. Sie hatte dann das Feuer in der Küche zu schüren und den Kamin im Ballsaal putzen. Häufig wurde es zum Arbeiten in die dunkelsten Ecken und Winkel des Schlosses geschickt, um dort zu räumen und sie reinzuhalten. Täglich mußte es auch in den Keller und holte von dort die Kohlen für die Öfen der vornehmen Gäste des Königs.

Nachts schlief es in einem kleinen Kämmerlein, durch das der kalte Wind pfiff. Zum Essen bekam das Mädchen selten mehr, als eine dünne Suppe und einen Kanten hartes Brot. Dafür sparten der Hofmeister und der königliche Hofkoch aber nicht mit Tadel.

Und obgleich das Mädchen ein mühevolles Leben hatte, so schlug in ihm doch ein Herz aus Gold. Es gab immer noch von dem Wenigen, das es hatte ab und teilte es gern. Unter dem Fußboden in dem Kämmerlein des Mädchens lebte eine kleine Mäusefamilie, und die hielt Freundschaft mit ihm. Weil das Mädchen den Mäusen immer ein paar Brotkrummen abgab, nannten sie es Krümel. Und wenn Krümel einmal wieder traurig war, und es nicht so recht wußte, wohin mit seinem Kummer, da reihte sich die Mäusefamilie am Ende des Bettchens auf und pfiff mehrstimmig ein Lied. Das sah so vergnüglich aus, daß Krümel im Nu seinen Kummer vergessen hatte und bald wieder lachen konnte.

Mit den Jahren wurde das Mädchen trotz der mühseligen Arbeit immer schöner. Nur fiel das keinem Menschen auf, da ihre Haut von Ruß, Schmutz und Kohlenstaub bedeckt und sie nur in Lumpen gehüllt war.

Abends dann, wenn es allein in seinem Kämmerlein saß, nahm es eine Waschschüssel und reinigte sich. Da Krümel keinen Spiegel besaß, wußte sie nichts von ihrer Schönheit. Die Mäusefamilie aber bewunderte sie im Geheimen. Auch schien das Kämmerlein im sanften Schimmer, wenn Krümel gewaschen und gereinigt war.

Wie jedoch Krümel so an Schönheit gewann, so verschlechterte sich ihr Augenlicht. Es tat ihr nicht wohl, immer in den dunkelsten Winkeln des Schlosses auszukehren. Ihre Augen strengten sich dabei zu sehr an, aber mit der Zeit verloren sie an Glanz und Kraft. Immer weniger konnte Krümel sehen und so übersah sie manche verstaubte Ecke, was ihr sogleich Schelte und Tadel vom Hofmeister eintrug.

Darüber weinte Krümel in ihrer Stube so, daß es den Mäusen sehr ans Herz ging und sie zusammen mit ihr reichlich Tränen vergossen.

Einmal wanderte der älteste Mäusesohn, Heinrich Knabberzahn, in einer lauen Vollmondnacht betrübt durch den königlichen Palastgarten. In seinem kleinen Mäuseköpfchen gingen ihm viele Gedanken umher, wie er Krümel zu helfen vermochte.

Der Mond schien ihm so schön, daß sich Heinrich Knabberzahn auf einen moosbedeckten Stein setzte und die ganze Nacht hindurch die sanft schimmernde Scheibe am Himmel betrachtete. Er konnte seinen Blick nicht abwenden und mit der Zeit schmerzten seine kleinen Äuglein. Sie schienen ihm sehr trocken. Da erblickte Heinrich Knabberzahn Tautropfen auf einem kleinen Pflänzchen, womit er sich seine Augenlichterchen einrieb.

Es währte gar nicht lange, da waren seine Augen klarer als je zuvor. Das nahm ihn wunder und so pflückte er eine Blüte von einem Fingerhut und sammelte lauter Tautropfen, die an diesem Pflänzchen im Mondschein glänzten.

Voller Ahnung, mit einem kleinen bißchen Stolz, trippelte das Mäuschen zusammen mit der gefüllten Fingerhutblüte zur Stube des Mädchens. Krümel lag in ihrem Bettchen und schlief. Der Mondschein fiel auf ihr Gesicht und Heinrich Knabberzahn vergaß bei Ihrer Schönheit alles andere auf der Welt und weswegen er den Fingerhut voll mit Tautropfen mitgetragen hatte. Dann aber zog eine Wolke vor den Mond, wodurch sich das Kämmerlein für einen Augenblick verdunkelte. Der Mäusesohn erinnerte sich wieder und benetzte die Augäpfel des schlafendes Mädchens mit den Tautropfen.

Am nächsten Morgen wachte Krümel auf und ihr war, als könne sie wieder deutlicher und klarer schauen, als Tags zuvor.

Sie erzählte voller Freude den Mäusen, daß über Nacht etwas wundersames mit ihr geschehen sein müsse, was sie sich gar nicht erklären konnte. Mäusesohn Heinrich Knabberzahn hörte still zu und verriet mit keiner Silbe sein Geheimnis. Nacht für Nacht ging er aber nun hinaus in den Garten und sammelte Tautropfen von dem einen kleinen Pflänzchen ab und füllte damit eine kleine Fingerhutblüte. Alsdann kehrte er eifrig in das Kämmerlein zurück und bestrich Krümels Augen mit dem kostbaren Naß.

Binnen kurzer Zeit wurden Krümels Augen so klar wie der lichte Tag und der hell strahlende Sonnenschein. Sie konnte von Ruß, Kohlenstaub und Dreck noch so verschmutzt sein, das Strahlen ihrer Augen wurde immer stärker.

Eines Tages nun putzte Krümel im Weinkeller des Königs. Sie mußte jede Weinflasche einzeln wischen und glänzend reiben Da betrat der Königssohn den Keller. Der Prinz war auf der Suche nach einem besonders seltenen und kostbaren Wein. Wie er jedoch in Krümels Augen schaute, so vergaß er den Grund, warum er sich in den Weinkeller begeben hatte.

´Nimmer habe ich solch schöne Augen gesehen.` sprach er überrascht. ´Mir scheint, Deine Augen müssen wie Sternenlicht sein.` und er bemerkte wie alles Glas im Keller im Scheine von Krümels leuchtenden Augen funkelten, als ob es Juwelen wären. ´Von nun an sollst Du nimmermehr in diesem dunklen Keller arbeiten müssen,` fuhr der Königssohn fort, ´vielmehr sollst Du in schönen Kleider und geschmückt durch den königlichen Palastgarten gehen und den Tag mit Deinem Augenglanz erfreuen.` Unverzüglich ordnete der Prinz an, daß Krümel sofort gewaschen und gereinigt werden sollte und ihr zudem feine Kleider anzulegen wären.

Für den Abend hatte er sich mit dem Mädchen an einem kleinen Gartenhäuschen hinter einer dichten blühenden Rosenhecke verabredet.

Als sie sich zur verabredeten Stunde trafen, verlor der Prinz angesichts vor Krümels Schönheit beinahe seine Sprache. Sie setzten sich zusammen auf eine Bank und schauten verträumt in den aufgehenden Mond oder einander in die Augen. Und so saßen die beiden gedankenverloren schweigend die ganze Nacht hindurch. In der Frühe schließlich schmerzten beider Augen. Da gewahrte Krümel ein kleines Pflänzchen an dem einige Tautropfen in der Morgendämmerung glitzerten. Sie nahm ein paar Tropfen auf und bestrich damit die Augen des Prinzen wie auch ihre eigenen. Nicht lange danach hörte der Schmerz auf und ihre Augen wurden wieder klar. Nun merkte Krümel, daß es mit diesem Pflänzchen eine besondere Bewandtnis haben müsse.

Noch vor Sonnenaufgang, fragt der Königssohn Krümel, ob sie ihn zum Manne haben wolle. Sie willigte freudigen Herzens ein. Und obschon gerade Prinzessin geworden, vergaß sie die Mäusefamilie nicht. Sie ließ eine große Mäusepuppenstube bauen, diese in ihr Gemach aufstellen und die Mäusefamilie darin wohnen.

Dem Pflänzchen gab Prinzessin Krümel den Namen Augentrost und bereitete daraus ein Heilmittel. Damit konnte sie allen helfen, die Augenweh hatten. Fortan aber durfte auf ihr Geheiß kein Mensch mehr in dem Königspalast im Dunkeln arbeiten und so ließ sie in allen verborgenen Ecken und Winkeln hell leuchtende Fackeln aufstellen.

Am hellsten aber strahlten die Augen von Krümel. Und wenn sie einen Menschen mit eisigem Herzen sah, so ward das Herz im nu aufgetaut und Freude kehrte wieder in sein Leben ein.

Copyright:

Andreas Lorenz, 2.12.2002